In der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 havarierte um kurz vor halb zwei der vierte Block des Atomkraftwerkes Tschernobyl. Durch einen Bedien- und Konstruktionsfehler des Siedewasserreaktors sowjetischer Bauart kam es bei einer Übung zu einer Kernschmelze. Der Reaktorkern explodierte und zerstörte die umliegenden Anlagen nahezu vollständig. Das Unglück galt bis dato als größter Atomunfall der Geschichte. Knapp 25 Jahre später begebe ich mich auf die Reise in das heutige Sperrgebiet. Exkursionen an Orte der Zeitgeschichte unternehme ich seit zehn Jahren und organisiere sie auch für andere Geschichtsinteressierte. Die ersten Planungen für die Reise nach Tschernobyl begann ich im Herbst vergangenen Jahres. Die Risiken erschienen mir kalkulierbar und vor mir und meiner Familie vertretbar. Damals konnte noch niemand wissen, dass am 11. März ein Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala Japan erschüttern und auch die Stromversorgung im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi beschädigen, die Reaktorkühlung versagen und mehrere Kraftwerksblöcke havarieren würden. Noch konnte niemand wissen, dass nach dem Störfall Personen zunächst in einem 20-Kilometer-, anschließend in einem 30-Kilometer-Radius evakuiert werden müssen. Noch ahnte niemand, dass sich sämtliche Medien im In- und Ausland veranlasst sehen würden, das neuerliche Reaktorunglück mit dem von Tschernobyl zu vergleichen. Doch dann war es geschehen: Schon vor meiner Exkursion drängte die »unsichtbare« Gefahr wieder zurück ins Bewusstsein der Welt. Dennoch blieb ich bei meinem Plan und trat die Reise an.

Quelle: Youtube

Um 9 Uhr morgens am 11. April 2011 werden wir in unserem Kiewer Hotel abgeholt. Ein Kleinbus transportiert uns und unsere Dolmetscherin Helena durch den Berufsverkehr der Drei-Millionen-Stadt – in die gesperrte Zone. Per Luftlinie sind es bis dorthin nicht mehr als 100 Kilometer; die Fahrt dauert etwa zwei Stunden. Unterwegs berichtet mir Helena vom April 1986. Es gab am Tag des Unglücks keine offiziellen Nachrichten in den Medien des Landes, lediglich Gerüchte verbreiteten sich. Erst zwei Tage später begannen die sowjetischen Medien, über das Reaktorunglück zu berichten. Helena arbeitete schon damals in der Touristikbranche. Sie erfuhr von der Katastrophe von ausländischen Partnern. Wie andere Kiewer hatte sich sich bereits gewundert, warum die Kinder von Parteiangehörigen mit Hubschraubern aus Kiew ausgeflogen wurden. Über Beziehungen gelang es ihr, mehrere Zugfahrkarten zu ergattern und so mit ihren beiden Kindern auf die Halbinsel Krim vor der radioaktiven Strahlung zu flüchten. Sie verbrachte dort mehrere Monate. Gegen 11 Uhr erreichen wir den ersten Kontrollpunkt der 30-Kilometer- Zone. Das Areal ist in verschiedene Sperrkreise unterteilt, die nur mit speziellen Passierscheinen betreten werden dürfen. Solche Passierscheine werden erteilt, wenn man sie zuvor beantragt und sein Interesse begründen kann. Pro Person kosten sie 120 Euro. Nachdem wir uns ausgewiesen haben, dürfen wir weiterfahren. Unsere Gruppe von knapp zehn Personen wird auch von einem Umwelttechniker begleitet, dieser misst während des gesamten Tourverlaufs die radioaktive Belastung der Umwelt. Bis dato ist keine erhöhte Strahlung zu ermitteln. Unser nächster Halt ist in der Stadt Tschernobyl. Hier erwartet uns Nikolai, ein Mitarbeiter der »Chernobylinterinform«. Nur in seiner Begleitung dürfen wir uns hier bewegen. Wir unterzeichnen eine Belehrung, wie wir uns in den kommenden Stunden zu verhalten haben. So dürfen wir zum Beispiel kein Material aus dem Sperrgebiet mitnehmen oder gar verzehren. Von Nikolai erfahren wir auch, dass jährlich bis zu 7000 Menschen die Zone besuchen. Doch in den kommenden Jahren soll alles anders werden. Nikolai spricht von mehreren 100 000 Besuchern, die man auf festen Routen durch verschiedene Zonen des Areals schleusen will, so die Planung, um die Region touristisch aufzuwerten. Makaber. Wie man das koordinieren soll, ist ihm noch schleierhaft. Wir sehen Karten, auf denen die verstrahlten Gebiete gekennzeichnet sind. Eine Zone befindet sich in westlicher Richtung, eine andere rund um das Kraftwerk und erstreckt sich nach Norden. Die Stadt Tschernobyl liegt außerhalb des massiv verstrahlten Gebietes. 36 Stunden nach dem Unglück wurden die Einwohner der näher am Kraftwerk gelegenen Stadt Prypjat innerhalb von drei Stunden evakuiert. Mit 1200 Bussen brachte man sie in Richtung Süden. Um Panik zu vermeiden, erzählte man ihnen, dass sie bald wieder zurückkommen könnten und sie daher nur Geld und Dokumente mitnehmen sollten. Anfang Mai 1986 wurden weitere Menschen aus insgesamt fast 100 Städten und Dörfern ausgesiedelt. Etwa 120 000 Personen verloren in wenigen Augenblicken ihre Heimat. Doch eine Rückkehr war so bald nicht möglich. Seit einigen Jahren können die ehemaligen Bewohner einmal im Jahr, zum Tag des Unglücks, in ihre alte Heimat zurückkehren.

Wir beginnen die Rundfahrt durch Tschernobyl. Alles sieht auf den ersten Blick relativ normal aus. Mal fährt ein Bus, mal sehen wir eine Gruppe von Arbeitern über die Straße laufen. Auch Wachmänner, Förster und Ärzte sehen wir. Insgesamt arbeiten in der Stadt und im nunmehr stillgelegten Kraftwerk, das zurückgebaut werden muss und in dem zur Zeit Fundamente für einen neuen Sarkophag entstehen, etwa 7500 Personen – im Schichtsystem. Die Blöcke 1, 2 und 3 des Kernkraftwerks wurden zunächst auch nach dem Unglück weiter betrieben und erst in den 90er Jahren, der letzte sogar erst im Jahr 2000, abgeschaltet. Die Baumaßnahmen an den Blöcken 5 und 6 wurden 1988 gestoppt. Nach der Katastrophe errichtete man in 80 Kilometern Entfernung eine neue Plattenbausiedlung mit dem Namen Slawutytsch für diejenigen, die im Sperrgebiet arbeiten. Sie pendeln. In Slawtytsch leben auch die Kinder der Mitarbeiter. Denn Kinder sind innerhalb der Sperrkreis nicht zu sehen, das Areal darf erst mit 18 Jahren betreten werden. »Keine Ausnahme «, so versichert uns Nikolai. Wir fahren zum »Park des Ruhmes «, einem Technikfriedhof, der auf einem kleinen ehemaligen Sportfeld eingerichtet wurde. Gegenüber der Zuschauertribüne sind heute Fahrzeuge ausgestellt, die von den Liquidatoren eingesetzt wurden. An der schweren Technik warnen gelbe Radioaktivzeichen. Die mitgeführten Geigerzähler senden nun den ersten Warnton aus, der Grenzwert wird in unmittelbarer Nähe der Technik überschritten. Sobald man sich aber wieder entfernt, sinkt der Wert auf das normale Niveau. Der nächste Stopp erfolgt am Denkmal der Liquidatoren. Sie wurden nach dem Unglück eingesetzt, um zum Beispiel den Reaktor mit Wasser und Chemikalien aus Hubschraubern zu kühlen, verstrahlte Gegenstände wegzuräumen und den Sarkophag zu errichten. Der Sarkophag musste nach dem Unglück gebaut werden, um den Austritt von Material aus dem Inneren des Blockes zu verhindern. Eine neue größere Schutzhülle (Baukosten 1,6 Milliarden Euro) soll in den kommenden Jahren fertiggestellt werden. Hier am Denkmal legt ein Teilnehmer unserer Gruppe, ein freiwilliger Feuerwehrmann, zu Ehren der Opfer ein Blumengebinde nieder.

Wieder steigen wir in den Bus und fahren nun in die 10-Kilometer- Sperrzone. Erneute Kontrolle der Dokumente. Nun geht es direkt zum havarierten Block 4 des Kernkraftwerks. Wir machen einige Aufnahmen aus der Ferne und einige direkt am Kraftwerk. Der Fotostandpunkt ist hier zum ersten Mal eingeschränkt, warum, erfahren wir nicht. Nikolai zeigt uns den Blickwinkel, aus dem das Kraftwerk fotografiert werden darf. Seltsam anmutende Erinnerungsfotos entstehen. Die Werte der Geigerzähler erreichen den höchsten Stand unserer Exkursion, sie messen den bis zu 100-fachen Wert der normalen natürlichen radioaktiven Belastung in Mitteldeutschland. Lange halten wir uns hier nicht auf und verlassen das Gelände in Richtung Prypjat. Ein weiterer Kontrollpunkt. Auch heute noch kommen illegal Personen in das Gebiet, um verwertbare Dinge zu stehlen und sie dann zum Beispiel auf dem Markt in Kiew zu verkaufen. Doch nicht nur zurückgelassene Konsumgüter sind begehrt, ganze Autos vom Technikfriedhof wurden in den letzten Jahren entwendet. Ob es die Not der Menschen ist oder einfach nur Gier, vermag Nikolai nicht zu sagen.

Prypjat. Wir erreichen die Stadt, die ab 1970 für die Arbeiter und Familien der Anlage errichtet worden war. Knapp 50 000 Einwohner zählte im April 1986 die für ehemalige Sowjetverhältnisse privilegierte Plattenbaustadt. Neben Kindergärten und Schulen existierten auch kulturelle Einrichtungen wie Theater, ein Kino und Schwimmbäder. Am 1. Mai 1986 sollte ein Vergnügungspark im Zentrum der Stadt eröffnen. Die Fahrgeschäfte waren bereits aufgebaut, doch zur Eröffnung kam es wegen des Unglücks nicht mehr. Im Zentrum von Prypjat besuchen wir einen Plattenbau. Ich werde sofort an die Siedlungen am Stadtrand Berlins erinnert. Aus dem 8. Stock sehen wir die gespenstischen Ausmaße und im Hintergrund den Kraftwerkskomplex. Die Tragödien, die sich hinter den einzelnen Fenster abgespielt haben, bleiben noch fremd und fern. Als wir dann aber einen der vier Kindergärten in der nunmehr verlassenen und umzäunten Stadt betreten, ändert sich das schlagartig. Neben den zurückgelassenen Spielzeugen und Kinderbettchen
liegen die Atemschutzmasken der Kinder – mir schnürt sich der Hals zu. Ich kann nicht mehr und möchte nur noch raus aus der Zone.

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Bloß weg! Während wir zum Kontrollpunkt zurückfahren, erzählt Nikolai, dass jetzt immer mehr alte Leute in die Zone zurückkehren. Offiziell ist das nicht erlaubt, wird aber toleriert. Nikolai sagt: »Sie kommen, um in ihrer Heimat zu sterben«. Momentan sind es etwa 200 Menschen, die dauerhaft hier leben, sich teilweise selbst versorgen oder von den Angestellten der Zone versorgt werden. Bei der Ausreise aus der inneren Zone werden wieder die Papiere und unser Kleinbus auf Strahlung kontrolliert. Am Ausgang der 30-Kilometer-Zone wiederholt sich die Prozedur; wir müssen aussteigen und auch unsere persönliche Strahlenbelastung abklären lassen. Dazu steigen wir in ein mannshohes Strahlenmessgerät. Man stellt die Füße auf die entsprechende Vorrichtung, hebt die Hände in den vorgesehenen Bereich und sobald »cisto« (sauber) erscheint, darf man austreten. Bei uns gibt es glücklicherweise keine Beanstandungen. Was für ein Tag. Wir waren in der gesperrten Zone, um davon zu erzählen.

Autor: Martin Kaule
Datum der Reise: April 2011

Neuerscheinungen:

Außergewöhnliche Hotels

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Faszination Bunker. Steinerne Zeugnisse der europäischen Geschichte

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100 Bunkermuseen in Deutschland

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Spuren des Kalten Krieges

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Geheimprojekte der Luftwaffe

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